Schrift geht im Alltag vor die Hunde – Gestalter, werdet besser!

IN KAPITALEN GIBT ES KEIN ß!

Seit längerem wurmt mich der Umgang mit Schrift und Sprache im Alltag. So haben sich z.B. im Volksmund “isso!” und “beste Mann!” entwickelt. Das sind in 2014 ganze Sätze! Genauso steht es mit dem Gebrauch von billig und umsonst. In meiner Welt sind Schuhe, die ich für einen überraschend niedrigen Preis kaufe günstig. Schuhe, bei denen nach 20 Schritten die Sohle abfällt sind billig. Wenn etwas umsonst ist, ist es in meiner Welt vergebens. Schenkt man mir beim Kauf von drei Flaschen Limonade eine dazu, ist diese Flasche gratis.

Seit einiger Zeit habe ich es aber besonders auf den Apostroph abgesehen. Im Buch “Writing that works” steht z.B. das viele US-Amerikaner Probleme bei der Unterscheidung von it's und its haben. Das war mir vorher nicht aufgefallen und hat mich etwas entsetzt. Schließlich ist es doch deren Muttersprache und ein sehr großer Unterschied in der Bedeutung! Dann fiel mir allerdings die Als-Wie-Schwäche der Deutschen wieder ein.

Screenshot der Apple-Werbung auf YouTube

Umso wichtiger wird es meiner Meinung nach, dass sich Gestalter und Schreiber ihres Einflusses bewusst werden. Was in den Medien veröffentlicht wird, leitet die Leute auch in ihrem eigenen Sprachgebrauch. Das oft gesehene 's gibt es im Deutschen nicht. Das ist der American Way of Besitzanzeige. Trotzdem liest man ständig Sachen wie „Kalle's Grillstation“*. Weil die Leute es so oft sehen/lesen, gibt es sogar Fälle von „Ihr Profi für Auto's“. In der deutschen Sprache ist der Apostroph lediglich ein Auslassungszeichen. Er zeigt die Stelle an, an der zwei Worte zu einer Kurzform zusammengeschoben wurden. „Geht's noch?“ ist so ein Fall.

Mindestens genauso schlimm wie die fehlerhafte Verwendung des Apostrophes ist die Tatsache, dass das Bewusstsein für die richtige Form dieses Auslassungszeichens verloren gegangen scheint. Als “Who's Perfect” mit Spots ins TV kam, habe ich mit Typo-Liebhabern über das Logo diskutiert. Dass ausgerechnet hier eine Sechs steht, ist eventuell sogar genial – allerdings muss man bei der Häufigkeit der falschen Verwendung auch ein Versehen in Betracht ziehen.

Logo von der "Who's Perfect"-Website

Bei Privatleuten sehe ich oft sogar Akzentzeichen als Auslassungszeichen – unabhängig vom Bildungsniveau. Denen sei verziehen, weil sie es vielleicht einfach nicht besser wissen. Aber auch bei den Gestaltern, die von Berufswegen mit Schrift und Sprache umgehen, sieht man alle möglichen Unmöglichkeiten. Deshalb auch der Zweifel beim eben genannten Logo. Dabei ist das setzen des richtigen Zeichens nur eine Frage des Bewusstseins für Typografie und des richtigen Umgangs mit dem Layout-Programm.

Beispiele der Glyphen

Für Laien: Accent aigu/Akut, Anführungszeichen links (6 oder Keil nach oben), Anführungszeichen rechts (9 oder Keil nach unten) und Apostroph.

Unbeispiel der Sechs als Auslassungszeichen

In diesem Beispiel eine Edgar Freecard mit einer Sechs. Diese Karten hängen als Postkarten in der Gastronomie aus oder können online gratis verschickt werden. Die Edgar-Karten verteilen sich ganz gut. Hier kann es nicht schaden, wenn man beim Gestalten/Schreiben nachdenkt. Und wenn ich mir vorstelle, dass der ein oder andere Leser meint, meine Anmerkungen seien trivial, dann muss ich fragen: Wieso funktioniert dann Gestaltung im Alltag nicht? Um ganz ehrlich zu sein, denke ich, dass viele von Euch – die sich Graphic Designer nennen – einfach nur das zusammenschieben, was sie schön finden. Das hat aber dann selten mit guter Gestaltung zu tun. Vielen Leuten fehlt offenbar grundlegendes Verständnis von Typografie. Ich sehe ständig (Free) Fonts mit ganz üblen metrischen Eigenschaften. Wer hier nicht von Hand nachkernt oder dergleichen, der ist auf dem Level eines Freizeit-Kickers. Wer nicht merkt, dass Indesign beim Apostroph eine falsche Glyphe einsetzt, für den gilt das Gleiche!

*Ja, es gibt offiziel "Kalle's Grill" und hier ist der Artikel dazu: Sieg des Deppenapostrophs – Süddeutsche 2010